Life is special! Oder: Die Gefühlsachterbahn im Township

Eine intensive, besondere und sehr ausgefüllte Zeit in Khayelitsha liegt hinter uns. Im Blog-Beitrag „Die Umlungus im Township“ haben wir unsere ersten Eindrücke geschildert. In den zurückliegenden Wochen sind wir mehr und mehr in die Realität des Townships eingetaucht. Unsere Ubomi-Idee hat für uns immer mehr Klarheit und Sinn bekommen, und unsere Eindrücke, Erlebnisse und Emotionen versuchen wir hier zu schildern. Um es vorweg zu nehmen: Wir würden keinen einzigen Tag im Township missen wollen! Schon jetzt freuen wir uns auf unseren nächsten Besuch im Projekt und auf ein Wiedersehen mit unseren Ubomi-Kindern.

Mit einem traurigen Erlebnis eines unserer Kinder betreffend fangen wir an: der Entdeckung von Boyboy. Zu seinem Schutz bleiben wir bei seinem Spitznamen. Rund um unser Haus, so wie überall im Township, ist es nachts sehr laut, doch das herzzerreißende Weinen von Boyboy, der hinter unserem Haus hockte, riss uns aus dem Schlaf. Da es sehr gefährlich ist, in der Nacht das Haus zu verlassen, konnten wir nicht handeln. So war es für uns noch schwerer, von Nachbarn am nächsten Tag zu hören, dass dieser erst siebenjährige Junge oft von seiner Mutter geschlagen, hungrig auf die Straße gesetzt und nicht zur Schule geschickt wird. Boyboy ist eins von vielen Kinder, die dem Projekt mehr als Sinn geben. Jedes unserer Ubomi-Kinder hat eine komplett einnehmende Geschichte und eine eigene Persönlichkeit. Boyboy ist zum Beispiel ein sehr zurückhaltendes Kind – aber wenn er lacht, geht die Sonne auf.

Viele Kinder im Township wachsen mit Hunger, geringen Bildungsangeboten und den Gefahren der Straßen auf. Die Auswirkungen haben wir häufig gesehen und zum Teil auch gefühlt. An viele Dinge haben wir uns schnell gewöhnt – etwa an den lauten Grund-Beat des Townships, den Anblick der zum Teil nur acht Quadratmeter großen Wellblechhütten und daran, ebenso wenig eine Dusche wie eine Privatsphäre zu haben. Hungernde und verwahrloste Kinder sind dagegen ein Anblick, an den wir uns nie gewöhnen können. Selbst spüren konnten wir das Leben mit Angst und ständiger Unsicherheit, bedingt durch die Gefahren im Township. Bewaffnete Jugendliche und junge Erwachsene etwa sind keine Seltenheit auf der Straße. Aufgrund von Armut, Chancenlosigkeit und als Folge der Apartheid bekommt das Leben einen geringeren Stellenwert, und oft wird nicht lange gefackelt. Auch Kinder sind hier einer permanenten Gefahr ausgesetzt – ein Zustand, der – wenn auch gewohnt – nie erträglicher wird. Eltern fürchten ständig, dass ihre Kinder Opfer von Bandenkriegen, Vergewaltigungen, Raubüberfällen oder ähnlichem werden. Umso wichtiger ist es, Inseln wie unser Ubomi-Haus zu schaffen, wo sich Kinder sicher fühlen können, familiäre Wärme erfahren und wo das Leben und Erleben im Zentrum steht. Wie passend unser Name Ubomi (Xhosa für „Leben“) ist, wurde uns immer deutlicher.

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Der permanente Zustand der Unsicherheit war für uns besonders krass. Manche unserer Erlebnisse müssen wir erst einmal verdauen – deshalb gehen wir an dieser Stelle nicht ins Detail. Doch wie bereits erwähnt: Jede Erfahrung war und ist für uns hilfreich, und unsere Zeit mit den Kindern dort war unglaublich.

Was der Gefahr entgegensteht, ist das Ubunto – ein intensives Gefühl des Zusammenhalts. Diese starke Gemeinschaft schützt und hat auch uns sehr schnell Zugehörigkeit vermittelt. Wir haben uns als einzige Weiße, die natürlich sehr auffallen, in unserer Community weitgehend sicher und sehr wohl gefühlt und freuen uns sehr, dass unser Projekt von der Gemeinschaft der Tiger Street so gut unterstützt wird. Auch die Kooperationen mit unseren Partnern vor Ort – Play Handball, Abalimi Gardening und das Zirkusprojekt ZipZap – helfen uns, mit Ubomi dauerhaft einen Ort zu schaffen, an dem wir dem Leben der Kinder einen neuen Stellenwert geben können. Sehr motivierend und unverzichtbar ist für uns in diesem Prozess immer wieder die Unterstützung vieler Freunde, Bekannter, Kollegen und Interessierter, die uns mit ihren Spenden und persönlicher Teilnahme sehr pushen. Unsere große Vision ist es, schon bald weitere Ubomi-Inseln zu eröffnen.

Für uns war diese Zeit direkt im Township unverzichtbar und in vielerlei Hinsicht schwer zu beschreiben. Auf jeden Fall aber einzigartig – und wie es unsere Kinder verdeutlichen: LIFE IS SPECIAL!

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